Ob er zur „Palastrevolte“ gegen Friedrich Merz nach Berlin gekommen sei? „Nö“, antwortete Daniel Günther in trocken wortkarger Manier. Im Live-Podcast „Studio 9 – Der Tag mit…“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/2PFwjUclfDqRgCAKdQkSx9) von Deutschlandfunk Kultur im Berliner Humboldtforum blickte der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins auf den vergangenen Wahlsonntag zurück – und lobte dabei explizit den Bundeskanzler. Es handele sich um ein „starkes Statement“, mit dem dieser bereits am Wahlabend an die Öffentlichkeit gegangen sei (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6ab0068db1857e86757a8837/kanzler-gibt-statement-ab-das-ergebnis-ist-ein-desaster-sagt-merz-und-kuendigt-strikte-umsetzung-der-reformen-an.html) , statt wie es sonst üblich sei, den Generalsekretär vorzuschicken. „Friedrich Merz hat in der Situation selbst gesagt: ‚Für dieses Wahlergebnis sind wir auch als Bundespartei verantwortlich‘“, schilderte der CDU‑Politiker. „Das können wir jetzt nicht Mecklenburg-Vorpommern in die Schuhe schieben, sondern hier muss ich nach draußen gehen und meinen Teil der Verantwortung tragen.“ Die schwachen Wahlergebnisse der CDU in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kommentierte Günther selbstkritisch. „Ich glaube, dass es uns nicht gelingt, den Menschen in unserem Land in einer verrückter gewordenen Welt die notwendige Sicherheit zu geben, dass wir auch in den nächsten Jahrzehnten in einem demokratischen, friedlichen, freiheitlichen Land mit einem großen Wohlstand leben“, schilderte er. Als Grund benannte er vorrangig kommunikative Probleme. „Geben wir ein Bild ab als Regierung, dass die Leute das Gefühl haben, hier führen uns Menschen durch diese Krise, denen ich vertrauen kann, die gemeinsam an einem Strang ziehen? Da müssen sich Union und SPD beide an die Nase fassen, dass das offenkundig gar nicht gelingt, sondern die Menschen eher glauben: Das kriegen die nicht hin.“ Interesse zeigte Moderator Korbinian Frenzel auch an der Kommunikation zwischen dem Bundeskanzler und den CDU‑Ministerpräsidenten. Vergangenen Sonntag hätte Merz diese „vorsichtshalber einbestellt“, um an einer Sitzung des Parteipräsidiums im Konrad-Adenauer-Haus teilzunehmen. Günther wies die Darstellung zurück. „Zur Wahrheit gehört, dass wir jedes Mal nach einer Wahl als Präsidium eingeladen sind“, sagte der CDU‑Politiker. „Zugegebenermaßen ist die Rückmeldequote nicht immer so gut wie an dem Sonntag. Von daher waren wir da mal in größerer Runde. Zwei Wochen vorher saß ich da als Ministerpräsident allein.“ Dieses Mal sei allen klar gewesen, dass die Landtagswahlen „nicht besonders gut“ ausgehen würden und deshalb „Besprechungsbedarf“ bestünde. Als Ministerpräsidenten trügen sie immerhin eine Verantwortung für die Partei. „Wie geht es mit der CDU weiter? Wie müssen wir uns auch aufstellen, um wieder mehr Vertrauen von den Menschen zu bekommen? Das ist ja auch unsere Aufgabe – und wir lassen da Friedrich Merz nicht alleine mit“, versicherte Günther. „Das ist ja nicht nur seine Verantwortung als Parteivorsitzender und Bundeskanzler, sondern wir wollen gemeinsam, dass sich Deutschland wieder in die richtige Richtung entwickelt – das ist unser Job.“ Dass es ihm in Schleswig-Holstein gelingt, eine „sehr geräuscharme, erfolgreiche schwarz-grüne Koalition“, wie Frenzel feststellte, führte Günther auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zurück. „Wenn man sich entscheidet, ein Land zu regieren, können die Menschen auch erwarten, dass man an einem Strang zieht, dass man sich nicht öffentlich streitet. Und ich glaube, mit dem Stil sind wir deutlich erfolgreicher“, schilderte der CDU‑Politiker. „Warum klappt es bei uns gut? Weil wir jeden Montag innerhalb der Koalition eine Runde haben, wo wir Themen miteinander besprechen, die uns trennen. Und wir gehen aus diesen Runden nicht raus, bis wir uns nicht verständigt haben.“ Auf diese Weise bestehe von Dienstag bis Sonntag „gute Laune“ in der Koalition. Ein weiterer Erfolgsgarant bestehe darin, dass aus besagten Montagsrunden nichts nach außen dringe. „Da stehen nicht mal Journalisten vor, weil die wissen, wir erzählen denen sowieso nichts“, erläuterte er stolz. „Wenn Sie mich fragen, ob ich mich selbst als modernen Politiker empfinde, würde ich sagen: In einigen Fragen ja, ich bin aber gar nicht modern, was das Thema Transparenz angeht. Ich finde, Politik braucht auch geschützte Räume, wo man Ideen miteinander besprechen kann, die nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken.“ Eben jene Räume fehlten der schwarz-roten Bundesregierung, sodass „unausgegorene Vorschläge“ die Öffentlichkeit erreichten und anschließend zerrissen würden. Deshalb werbe er für den Stil des Landesverbandes Schleswig-Holstein und seines Parteikollegen Hendrik Wüst in Nordrhein-Westfalen. Frenzel konfrontierte den CDU-Politiker mit seinem Eindruck, dass es „vorbei mit dem Glück“ sei, wenn norddeutsche Landespolitiker in die Bundespolitik wechseln. „Ja, das verdirbt immer so ein bisschen die Stimmung“, bestätigte Günther halb scherzhaft. „Wolfgang Kubicki und Robert Habeck mögen sich heute nicht mehr so gerne, wie sie sich gemocht haben, als wir in Schleswig-Holstein zusammen regiert haben.“ Auf Landesebene hätten beide nicht schlecht übereinander geredet, während es in Berlin „zum guten Ton“ gehöre, sich öffentlich zu beschimpfen. „Warum verletzen wir uns gegenseitig persönlich?“, fragte Günther rhetorisch. „Da müssen wir uns auch nicht wundern, wenn Menschen sich entsetzt von Politik abwenden, wenn wir in einer solchen Art und Weise als demokratische Parteien miteinander umgehen.“ Mit Karin Prien und Johann Wadephul beteiligten sich zwei Unionspolitiker daran, den „Geist“ aus ihrem gemeinsamen Landesverband in die Hauptstadt zu transportieren. Ob auch er an einen Wechsel in die Bundespolitik denke? „Ich bin immer sehr froh darüber, wenn ich aus Berlin wieder nach Schleswig-Holstein zurück kann“, entgegnete Günther. „Ich bin einfach wahnsinnig gerne Ministerpräsident und möchte das auch fünf weitere Jahre bleiben.“